vwgoe Logo

Ami Boué, De urina in morbis (1817). Eine Dissertation an der Schwelle zur modernen Medizin.

31.01.2019 18:00 - 31.01.2019 19:00 Archiv der Universität, Postgasse 9, 1010 Wien - office@wissenschaftsgeschichte.ac.at

Der aus einer reichen hugenottischen Reederfamilie aus Hamburg stammende Ami Boué (1797–1884) war einer der bedeutendsten Geologen Österreichs im 19. Jahrhundert. Boué beschrieb aber nicht nur die Gesteine. Er befasste sich auch mit der Geographie, der Flora, der Fauna wie der Ethnographie der Länder des Balkans. Von 1814 bis 1817 hatte Boué an der Universität von Edinburgh studiert. Zur Erlangung des Doktorgrads verfasste Boué zwei Dissertationen in lateinischer Sprache: eine botanische und eine medizinische. Die botanische Dissertation erschien 1817 im Druck. Die zweite Abhandlung mit dem Titel „De urina in
morbis“ wurde hingegen nicht publiziert. Das Original gilt als verschollen. Was heute noch
erhalten ist, ist eine Konzeptschrift. Diese wurde von Johannes Seidl vor einigen Jahren in der
geologisch-paläontologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien gefunden.
Sehr überraschend ist, dass Boué in dieser Dissertation einen Zugang vorwegnimmt, der erst
mehr als eineinhalb Jahrhunderte später wirklich zu beschreiten war: Boué versucht aus der
chemischen Analyse des Urins der Patienten Rückschlüsse auf die Art ihrer Krankheit sowie
deren Therapie zu ziehen. Wie der damals knapp zwanzigjährige Student Boué auf diese Idee
verfiel? Faktum ist, dass in Edinburgh nach der Gründung der Royal Society of Edinburgh im
Jahre 1783 durch den Chemiker Joseph Black (1728–1799) das geistige Klima für neueste
chemische und physiologische Fragestellungen überaus förderlich war. Großartige Lehrer
unterrichteten an der Universität. Boué erwähnt beispielsweise die Forschungsergebnisse des
schottischen Arztes und ersten Professors für materia medica Francis Home (1719–1813), der
zwar, als Boué mit seinem Studium begann, schon ein Jahr tot war, dessen Werke aber immer noch eifrig studiert wurden. Boué berichtet von einer „blendenden Chemievorlesung“ des Professors Thomas Charles Hope (1766–1844), der als einer der Entdecker des Elementes Strontium gilt. Bei Prof. James Gregory (1753–1821), der nach dem System von William Cullen unterrichtete, hörte Boué Vorlesungen zur praktischen Medizin. Zu bedenken ist auch, dass Boué als Mitglied der Royal Society of Edinburgh von allem Anfang an Zugang zu den
periodischen wissenschaftlichen Zeitschriften aus aller Welt hatte und so z.B. die Arbeiten der
französischen Chemiker Antoine François de Fourcroy und Louis-Nicolas Vauquelin kannte und von den Harnanalysen des schwedischen Mineralogen Tobern Olof Bergman wusste.
Alsbald war klar, wie wünschenswert es ist dieses 94 Blätter starke Werk einem breiteren
Leserkreis bekannt zu machen. Da es sich dabei um komplexe wissenschaftshistorische, philologische,
medizinische, pharmazeutische und chemische Sachverhalte handelte und auch heikle editorische Probleme gelöst werden mussten, war die Zusammenarbeit mehrerer Disziplinen unerlässlich. Für die Transkription, die Übersetzung, für einen medizinischen Kommentar, in dem der Stellenwert der Arbeit vom heutigen Wissensstand gesehen beurteilt wird, sowie einem Glossar der vorkommenden medizinischen Fachausdrücke zeichnet der Arzt und Altphilologe Bruno Schneeweiß verantwortlich. Der Historiker Johannes Seidl beleuchtet einerseits in einem Beitrag Leben und Werk Ami Boués, andererseits fungierte Dozent Seidl als Koordinator aller Forschungsbeiträge und Herausgeber. Die Pharmaziehistorikerin Christa
Kletter steuert einen Kommentar und ein Glossar zu den Arzneimittelangaben Boués bei. Der Chemiehistoriker Rudolf Werner Soukup beurteilt in seinem Kommentar Boués Dissertation von 1817 aus der Sicht der modernen biomedizinischen Analytik und betätigt sich als Mitherausgeber.

Zum Veranstaltungsindex
Web design by PhageApps